Der alte Blaue Bock hat über 20 Jahre die Mitte Magdeburgs geprägt und war für die Stadt mehr als nur ein leer stehendes Gebäude. Mit Ihnen gemeinsam möchten wir zurückschauen. Hier haben wir Geschichten gesammelt, die die Magdeburger mit uns geteilt haben.
Ich habe diese Wohnung von meiner Oma mit viel Glück übernehmen können. Sie wohnte in den 70iger Jahren dort. Sie hat sich dort sehr wohl gefühlt. Es war ihre erste Wohnung mit Fernheizung, denn das Kohlen schleppen wurde mit zunehmenden Alter in ihrer Wohnung in Prester, immer schwieriger. Sie genoss auch die kurzen Wege zum Einkaufen und konnte als Mitglied der Volkssolidarität im Stadt Prag täglich ein köstliches Mittagbrot zu sich nehmen und zahlreiche kulturelle Angebote nutzen. Anfangs war das Wohnen auch noch sehr geordnet, gab es doch sogar einen Pförtner. Erinnern kann ich mich auch daran, dass die breite Fensterfront viele Familienmitglieder zu Festtagen nutzte, um sich die „Schauspiele“ vieler Festumzüge (die Festbühne war direkt schräg gegenüber) von oben anzugucken. Ein beliebtes Spiel unserer Familie war dann, wem es gelingen würde, die meisten Bekannten zu erblicken. Natürlich immer hinter entsprechender Kulisse, war doch eine Beflaggung angeordnet und wehe dem, der sich nicht daran hielt! Gewundert habe ich mich als Kind auch, weshalb meine Oma in der Wohnung alle Ritzen mit dem Zierklebeband aus den Westpaketen „verschönerte“. Ich hätte sie doch viel besser gebrauchen können. Nachdem ich 1982 selbst eingezogen war, bekam ich des Rätsels Lösung. Alle Ritzen waren eine willkommene Einladung für die zahlreichen Mitbewohner in Form von Kakerlaken, trotz regelmäßiger Einsätze von Schädlingsbekämpfern. Den Geruch des Mittels, der sich in allen Dingen festsetzte, habe ich noch heute in der Nase. Neben krabbelnden Tierchen in der Nacht über das Bett bzw. toten Exemplaren in Büchern, auch noch nach dem Auszug 1989 in der neuen Wohnung, erfolgte der Erlebnishöhepunkt mit den Tierchen auf meiner Geburtstagsfeier. Wir waren 12 Personen in der Einraumwohnung und saßen gemütlich zusammen. Zum Abendbrot gab es die altbewährte Soljanka mit getoastetem Weißbrot. Als ich das erste Toastbrot in das Gerät legte und den Hebel zum Einschalten betätigte, liefen von der Hitze verscheucht, einige Tierchen aus den Schlitzen geradewegs auf die Gäste zu. Nun hatten wir ausreichend Gesprächsstoff. Nachdem sich alle Gäste wieder beruhigt hatten, hatten wir natürlich auch die Lästerei auf unserer Seite, von wegen Fleischeinlage und Geiz usw.. Nachdem ich später meinen Schülern als Geschichtslehrerin zum Thema Alltagsleben in der DDR von dieser Wohnung erzählte, kann ich mich in diesem Zusammenhang an eine weitere Begebenheit erinnern. Wir besuchten zu dem Thema DDR Geschichte die Ausstellung am Moritzplatz. Dort spielte der Blaue Bock auch eine Rolle. In einem Vortrag erfuhren wir, dass ca. 32 % der Bewohner (Aussage 2006) inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit waren. „Promt“ wendeten sich natürlich 25 grinsende Schülerköpfe in meine Richtung. Nun hatte ich zumindest zwei neue Erkenntnisse: 1. Nun wusste ich, woher bestimmte Fakten in meinen, vor öffentlichen Gremien, geführten Gespräche stammen könnten und 2. Meine Schüler hatten im Unterricht gut aufgepasst. Ich war stolz mit 18 Jahren meine erste Wohnung hier gehabt zu haben, auch wenn nicht alles heutigen Vorstellungen entsprach. Zu diesem Zeitpunkt war es keine Selbstverständlichkeit, allein so jung eine Wohnung, und dann auch noch in der City mit Warmwasserleitung und Zentralheizung zu bekommen. Nachdem Besuch der Gedenkstätte, erschien dieses Glück einer eigenen Wohnung, noch größer bzw. die Bemühungen meiner Eltern noch wertvoller. Ich war weder Mitglied einer Partei, kein Mitarbeiter der Stasi und war auch keine Krankenschwester im Altstadt. Ich bekam also als „Stino“ diese Wohnung. Die Miete war auch sehr lukrativ, lag sie doch unter 20,00 Mark. Mein damaliger Freund und späterer Mann konnte sich nie wirklich mit dem anonymen Wohnen dort anfreunden, kam er doch aus einer Kleinstadt und einem Einfamilienhaus. Zudem waren die Verhältnisse Ende der Achtziger auch nicht mehr ganz so optimal. Häufiger nutzte man die Hausflure und den Fahrstuhl, um Notdürfte zu verrichten und der warme Keller war häufiger Aufenthaltsort fremder Personen. Mir brachte die Wohnung Glück. Da ich in Potsdam studierte, war sie u.a. mein Joker, um in meiner Heimatstadt wieder eingesetzt zu werden, was mein großer Wunsch war. Als sie dann auch noch ein begehrtes Tauschobjekt 1989 für eine größere Wohnung in Stadtfeld wurde, stand dem Glück unserer kleinen Familie nichts mehr im Wege, denn wir erwarteten unseren Sohn.
Meine Frau wohnte bis zu unserer Heirat bei ihren Pflegeeltern zur Untermiete in einem Privathaus, ohne fließendes Wasser und die Toilette (Plumpsklo) auf dem Hof. Ich wohnte ebenfalls zur Untermiete ohne Heizmöglichkeit und ebenfalls ohne fließendes Wasser.
Der damalige VEB Tiefbau Magdeburg hatte inseriert, dass sie einen Maschinenbauingenieur suchen mit dem Hinweis, dass eine Wohnung gestellt werden könne. Ich bewarb mich um diese Stelle und hatte das Glück, diese auch zu bekommen. Die Freude war riesengroß. Schon bevor ich meine Tätigkeit aufnahm, wurde mir die Einraumwohnung Nr. 442 als Erstbezieher Mitte August 1967 in der damaligen Wilhelm-Pieck-Allee 15 zugewiesen, Miete monatlich einschließlich Heizung 68,50 Mark.
Es war ein unbeschreibbares Gefühl der Glückseligkeit. Die Wohnung war warm, die Fenster zum Süden, die Dusche und das WC, die Einbauschränke, die kleine Kochnische und der Müllschlucker gleich auf dem Flur (der war später oft verstopft) – es war einfach herrlich.
Auch der Pflegevater meiner Frau, er war zu der Zeit schon über 80 Jahre, ließ es sich nicht nehmen, mich in meinem neuen Zuhause zu besuchen. Besonders die Spültoilette hatte es ihm angetan. Auch den Fahrstuhl fand er gut, denn erst der ermöglichte ihm den Besuch.
Im Möbelhaus gegenüber von dem Kulturhistorischen Museum konnte ich eine hochglänzende „WiWeNa Möbelwand“ erstehen. Danach hatte ich nur noch ganze 7,77 Mark auf meinem Sparbuch. So mussten wir lange sparen, bis wir uns einen 140 Liter-Kühlschrank leisten konnten, denn ohne ihn war im Sommer trotz aller Tricks die Haltbarkeit von leicht verderblichen Lebensmitteln stark eingeschränkt. Zunächst jedoch wurde die ausklappbare Doppelliege (extra breit) bestellt.
Im Juni 1968 schlossen wir den Bund der Ehe und schon einen Tag später zog sie mit ihren paar Habseligkeiten in unsere gemeinsame erste Wohnung. So nach und nach wurde es bei uns immer wohnlicher in unserem kleinen Reich. Die kleine Kochnische wurde durch eine spanische Wand aus Bambusstöcken (Angelruten) vom Wohnraum abgetrennt. Die Bambusstöcke wurden durch Sackgewebe verkleidet und dazu wurden noch Grünpflanzen angehängt, die bei der Wärme und dem Sonnenlicht prächtig gediehen.
Ein Problem war das Aufhängen von Bildern usw. Überall, wo es unbedingt notwendig war, wurden Dübellöcher in die superharten Betonwände eingebracht mit einem speziellen dreieckig geschliffenen Steinbohrer, der per Hand geschlagen werden musste. Das war über Monate im ganzen Haus zu hören. Nur eines war recht bald sehr unangenehm, wenn die Straßenbahn einbog, da quietschten die Räder so sehr, dass man schon mal senkrecht auf der Doppelliege stand. Alle Heizkörper waren hintereinander geschlossen, konnten nicht gedrosselt oder abgestellt werden. Eine wahnsinnige Energieverschwendung, zumindest für die Mieter der Südseite war es oft unerträglich warm. Da nutzte auch keine kalte Dusche bei geöffnetem Fenster.
Ende Februar 1969 wurde unser Sohn geboren. Das Babykörbchen hatte auch noch Platz, aber es war nun Zeit nach einer größeren Wohnung Ausschau zu halten. Dazu hatten wir eine Anzeige aufgegeben zwecks Tausch in eine Zweizimmerwohnung. Wir hatten etliche Zuschriften. Was man uns da so alles angeboten hatte, es war einfach schlimm. Schließlich bezogen wir in der Welsleber Straße eine Zweizimmer-Neubauwohnung, jedoch zunächst mit Ofenheizung. In unsere Wohnung im „Blauen Bock“ zog die Mutter des Parteisekretärs des damaligen Wohnungsbaukombinates Magdeburg (WBK).
Somit endet unsere direkte Beziehung zum „Blauen Bock“. Aber immer, wenn wir wieder mal im Zentrum unserer Stadt sind, geht unser Blick in die vierte Fensterzeile rechts neben dem fünfteiligen Fenster. Das war unsere erste geliebte gemeinsame Wohnung.
Bruno Groth, selbst bildender Künstler, ist auf der Suche.
Er möchte etwas über den Verbleib einer großen Plastik seines Freundes und Magdeburger Künstlers Wilfried Heider herausfinden: „Die Arbeit, von der mir nur diese Plastik geblieben ist, hing im Original in dem Reisebüro, das im Blauen Bock untergebracht war“, sagt Bruno Groth.
Er kümmert sich ehrenamtlich das künstlerische Erbe von Wilfried Heider in Magdeburg, dessen Werke an mehreren Stellen in der Stadt zu finden sind. Unter anderem schuf er das Windspiel am Olvenstedter Graseweg oder den Fischbrunnen an der Elbuferpromenade. Wilfried Heider 1999 verstarb mit nur 60 Jahren.
#Die gesuchte Plastik stellt die Kontinente der Erde dar. Sie ist vermutlich vier mal fünf Meter groß. Bruno Groth zeigt zur Anschaulichkeit ein Modell der Plastik im Maßstab 1 : 10. In den Ladenräumen des Blauen Bocks ist sie nicht mehr zu finden.
Wer weiß, wo sich die Arbeit befindet, kann sich gern bei uns melden. → Kontakt
„Genau auf der Stelle des Blauen Bocks stand vorher das ausgebombte Gebäude der Firma Heinrich Mittag. Die HO-Lebensmittel-Süd und die Deutsche Handelszentrale, DHZ – Tabak und Spirituosen MD, bauten das Gebäude nach 1945 wieder aus. Sie richteten dort ihre Geschäftsstellen ein. Auch war dort der Ambulante Handel der HO-Lebensmittel untergebracht.
Ich arbeitete dort als Verkäuferin von 1953 bis 1957. Diese Straße, die heute ein Stück der Ernst-Reuter-Allee ist, war früher eine Stichstraße und nannte sich Weinfaßstraße 1 bis 4. Die Reuter-Allee, früher Kölner Straße, ging nur vom Bahnhof bis zur Otto-von-Guericke-Straße. Später wurde der Stich der Weinfaßstraße geöffnet und die Verlängerung der Reuter-Allee ging bis zur neugebauten Strombrücke.
Auch an den Blauen Bock habe ich Erinnerungen. Gleich nach der Wende zog das Bankhaus Löbbecke ein. Dort legten wir unser mühsam Erspartes zu traumhaften acht Prozent Zinsen an. Und im links daneben ansässigen Deutschen Reisebüro buchten wir unsere erste Reise nach der Wende nach Paris.“
Bild: Waltraud Schiebel (r.) und eine Arbeitskollegin vor dem Gebäude der Firma Heinrich Mittag, Weinfaßstraße 1 bis 4, im Jahr 1953

„Als Bauingenieur habe ich für das Industrie-Baukombinat gearbeitet. Die hatten ein Kontingent für Wohnungen im Blauen Bock. Darüber bekam ich eine Wohnraumzuweisung für die Wohnung 7/745. Eigentlich wollte ich dort gar nicht wohnen, aber mit meiner zukünftigen Frau bekam ich nur eine größere Wohnung, wenn ich eine zum Tauschen anbieten konnte. Mit dem Nachweis, dass wir heiraten, und der Wohnraumzuweisung für den Blauen Bock konnten wir bei der KWV – Kommunale Wohnungsverwaltung (heute Wobau) – einen Wohnungstausch beantragen. Wir tauschen nach einem knappen halben Jahr mit einer älteren Dame aus der Ohrestraße, die eine Zwei-Raum-Wohnung mit Kachelofen bewohnte. Sie freute sich auf die kleinere Wohnung mitten im Stadtzentrum mit Fernwärmeheizung und Fahrstuhl. Weil die Miete im Blauen Bock trotz der kleineren Wohnung mit 60 Mark doppelt so hoch war wie in der Ohrestraße, zahlten wir der Dame jeden Monat die Differenz, weil ihre Rente so gering war. Irgendwann senkte die KWV dann die Miete im Blauen Bock, so dass wir die Dame nicht mehr zu unterstützen brauchten.“
„Zur Dokumentation der Geschichte des Blauen Bocks möchte ich ein altes Schwarzweiß-Foto beisteuern. Die Aufnahme ist wenige Tage vor dem Jahreswechsel 1988/89 entstanden und diente eigentlich nur dazu, noch schnell einen Film „vollzumachen“.
Auf der im Vordergrund sichtbaren Wiese steht heute das Allee-Center, die kahlen Laubbäume sind längst gefällt. Auch die an der Kreuzung Ernst-Reuter-Alle/Breiter Weg haltende Tatra-Straßenbahn ist inzwischen längst Geschichte. Der leider nicht lesbare Schriftzug über dem Gebäude stellte eine Werbung für das „Neue Deutschland“ dar.
Bei der Tatra-Straßenbahn vor dem Blauen Bock kann es sich nur um einen Zug der Linie 8 in Richtung Neustädter See handeln. Die Linien 4, 5 und 6 fuhren damals nur mit zwei Einheiten, mit drei Einheiten verkehrten dagegen die Linien 8 und 13. Das Foto ist um die Mittagszeit entstanden. Die Linie 13 war eine reine Berufsverkehrslinie, die um diese Zeit noch nicht im Einsatz war.“
Herr Lingner aus Magdeburg berichtet:
„Als ehemaliger Centrum-Warenhaus-Mitarbeiter (von Beginn an im Aufbaustab seit 1971, bis 1999 bei Karstadt) erinnere ich mich gerne an mein erstes Büro im sogenannten Verbinder zwischen dem Centrum Warenhaus und dem Blauen Bock. In diesem Zwischenbau waren die Büros der Handelsbereichsleitung Bekleidung und der Verkaufsabteilungsleiter untergebracht, außerdem die Änderungsschneiderei, von wo aus eine Verbindung zu einer „Wohnung“ im Blauen Bock bestand. Von meinem Büro hatte ich einen guten Ausblick auf die sogenannten „Centrum-Funzel“, eine Beton-Plastik mit bunten Glasscheiben die leider nicht mehr existiert. Durch das Tiefgeschoss des Centrum-Warenhauses wurde der reichlich anfallende Müll des Blauen Bocks entsorgt.Im Erdgeschoss des Blauen Bocks befand sich das DER-Reisebüro.“
Ergänzung: Nach Informationen von SWM befanden sich später auch Werkstätten und die Nähstube des Centrum Warenhaus darin.
„Mit dem Blauen Bock verbinde ich die Erinnerung an drei wichtige Lebensjahre. Die Technische Hochschule, heute Uni, hatte damals einige Apartments in dem Gebäude, die auch an Mitarbeiter vermietet wurden. So wohnte ich von 1970 bis 1972 in der Wilhelm Pieck Allee 14 a /712., anfangs allein, dann zog mein jetziger Mann mit ein und im Januar 1972 wurde mein erster Sohn geboren. Wir wohnten zu dritt in dem kleinen Zimmerchen bis August 1972.
In der Kochnische stand neben der Spüle ein Elektro-Kocher mit einer Platte, darauf wurde im Schnellkochtopf gekocht, der Wäschetopf mit Windeln gekocht (es gab noch keine Wegwerfwindeln), unter der Spüle stand ein 40-Liter-Minikühlschrank.
„Eines Tages hatten wir einen Stromausfall im Gebäude. Meinem Kind, etwa zwei Monate alt, noch auf Fläschchen angewiesen, die morgens für den ganzen Tag vorgekocht wurden und die ich zu den Mahlzeiten nur noch erwärmt habe, konnte ich die im Kühlschrank gekühlte Flasche nicht anbieten. Wie also das Fläschchen erwärmen? Also wurde in einen Steingut-Blumentopf eine Kerze gestellt, zwei Stricknadeln quer gelegt und ein Töpfchen mit Wasser darauf gestellt. In dem Wasser wurde die Flasche erwärmt, es dauerte zwar, aber mein Kind bekam seine warme Mahlzeit.“
Bild: Ursula Heinrich mit ihrem Sohn. Im Hintergrund erkennt man die Kochnische in der Einraumwohnung
„Nach meiner Ausbildung zur Kinderkrankenschwester 1973 stellte mir die damalige Medizinische Akademie Magdeburg (heutige Uniklinik) einen Bettenplatz in einem Mehrbettzimmer zur Verfügung, Gesamtmiete 10,80 Mark. Das Los fiel auf mich, als ein „Einzelzimmer“ frei wurde. Aber wegen des miserablen Zustandes dieser Dachbodenkammer, u. a. Rattenplage, stellte ich Anfang 1974 einen Antrag auf eine Einraumwohnung. Ab 1.2.1976 erhielt ich eine Werkwohnung in der Wilhelm-Pieck-Allee 14a – im sogenannten Blauen Bock, wo ich bis 1983 mein Zuhause hatte.
Der Blaue Bock war ursprünglich als Bauarbeiterhotel konzipiert, die MAM hatte 80 Zimmer in Verwaltung, ansonsten waren unter den Mietern alle Schichten vertreten, Arbeiter, Angestellte, Studenten, Ärzte…#
Mein Zimmer, mit Nr. 516, befand sich in der 5. Etage zur Nordseite, leider ohne Sonneneinstrahlung. Mein Apartment umfasste insgesamt nur 16,5 m², davon 1,44 m² Toilette mit einem kleinen Waschbecken, Gemeinschaftsduschen gab es auf dem Ende des Ganges auf jeder Etage, einem kleinen Flur mit Einbauschrank, sowie eine 0,97m² „große“ Kochnische mit Hängeschrank für eine Gesamtmiete von 28,80.
Obwohl so klein, meine Freude war riesengroß! Eine totale Verbesserung zu vorher. Man war doch früher bescheiden, ich war glücklich. Meine 1. eigene Wohnung! Ich richtete mich so schön ein, so wie es mir, nur mir allein gefiel, mein kleines Puppenstübchen! Ich kaufte mir unter erschwerten Bedingungen neue Möbel, der passenden Teppich dazu war das Problem, aber als ich ihn hatte, war ich stolz wie Oskar, und einen 60l Würfelkühlschrank, der passte genau unter die Spüle in die Kochnische hinein. Freilich reichte dieser nicht aus für alle Lebensmittel und Getränke. Da es im Zimmer sowieso immer zu warm war, habe ich wie viele andere Bewohner die Fahnenhalterungen, die an jedem Fenster außen angebracht waren, dafür benutzt, Lebensmittel in Beutel, Taschen, Netze, daran zu hängen, um sie kalt zu halten. Ein neuer zusätzlicher Name für den Blauen Block war geboren: „BEUTELHAUS“!
Ich erinnere mich noch, da meine Fenster zum Innenhof zeigten, als das damalige Zentrum-Warenhaus seine Angebote mit dem „Zentrum-Funk“ nach außen auf die Straße hinaus anpries. Mich störte die Lautstärke enorm, wenn ich Nachtdienst hatte und am Tage schlafen musste. Außerdem musste man immer daran denken, die Gardine zu zuziehen, da oft die Angestellten des Zentrum-Warenhauses hinter der Netzfassade aus Aluminiumplatten die Vorgänge im Gegenüber beobachteten und diese Spanner durch diese Verkleidung im ersten Moment schlecht zu entdecken waren. Man fühlte sich immer irgendwie beobachtet.#
Ansonsten fühlte ich mich jedoch in den ersten Jahren pudelwohl dort, ich kochte auf meiner einflammigen Herdplatte im Etagen- und Warmhalteverfahren ganze Menüs. Mit einem Alu-Grill bereitete ich allerlei Leckereien zu, wie z.B. Toast-Hawaii für mich und meinen Besuch. Ich habe in meinen 4 Wänden eine glückliche Zeit verbracht, meine Jugend genossen…geliebt, gelacht, gefeiert, sogar zum Tanzen war Platz…
Ein Problem war natürlich, dass es keine Stellmöglichkeiten für Waschmaschinen gab und auch keine Trockenmöglichkeiten! Wir nutzten die Wäscheannahmestelle in der Jakobstraße. Ein bisschen Handwäsche im kleinen Becken ging so. Für die Kochwäsche allerdings eine Katastrophe, gab ja nur die eine Herdplatte, zum Spülen und Aufhängen nur der Toilettenraum, ich erinnere mich an die enorme Feuchtigkeit!! So war es in der letzten Zeit eine Zumutung…
Als ich dort einzog, hatte alles noch seine Ordnung. Es gab einen Hausmeister, der auch im Objekt wohnte, täglich am Abend mit seinem schwarzen Schäferhund seine Runde drehte. Es war sauber, auch der Müllschluckerraum. Erst die letzten Jahre, als es auch keinen Hausmeister mehr gab, verdreckte alles, die Verwaltungen kümmerten sich nicht mehr, die Kakerlaken waren nicht mehr zu besiegen, es wurde immer weniger gespritzt deswegen, der Müllschluckerraum musste verschlossen werden, die Gemeinschaftsduschen konnten nicht mehr benutzt werden. Der Müll wurde im Fahrstuhl entsorgt. Ich schämte mich, dort zu wohnen! Schade, dass man es so verkommen lassen konnte.“#
Bilder: Ausblick aus der Wohnung
„Als junge Kinderkrankenschwester bekam ich ein kleines Zimmer (möbliert) in der Klinik. Für den Blauen Bock hatte ich mich nicht beworben. Eines Tages sprach mich unsere Oberin an: „Schwester Doris, möchten Sie nicht in das neue Haus Wilhelm-Pieck-Allee ziehen. Sie bekommen doch des Öfteren Herrenbesuche.“ Dabei blieb der Herr nicht mal über Nacht.
Die Freude war groß über das überraschende Angebot und es ging los mit dem Suchen und Kaufen nach passendem Mobiliar.
Ein kleiner Kühlschrank (Würfel) passte unter das Waschbecken in der Kochnische, der Hängeschrank darüber war ja schon drin, Kochplatte gekauft und fertig war die „Küche“.
Nachdem ich in der Klinik äußerst spartanisch gewohnt habe, war die Mini-Wohnung mit eigener Toilette, eigenem Waschbecken und dem kleinen Flur mit Einbauschrank – eben einer abgeschlossenen Wohnung nur für mich allein ganz toll. Ich habe dort viele Jahre sehr gern gewohnt, gelebt, geliebt und oft mit vielen Freunden zusammengesessen. Nie hatte ich das Gefühl von Enge – es war eben kuschelig und gemütlich.
Auf der Etage waren wir viele junge Schwestern aus der Kinderklinik. Wie kannten uns alle und sind oft zum Tanzen gegenüber in die Gaststätte „Stadt Prag“ gegangen. Der Heimweg war ganz kurz. Man musste nicht daran denken, den „Lumpensammler“ – die letzte Bahn – zu verpassen.“
„Wie der Name Blauer Bock entstand: Zunächst nannten wir das Gebäude „Blauer Block“. Dann gab es im Westfernsehen die Unterhaltungssendung „Zum Blauen Bock“ mit Heinz Schenk und schon war der endgültige Name geboren.“
Martin Kramer erinnert sich an eine konspirative Wohnung für das Ministerium für Staatssicherheit.
„Zwar bin ich nur in den Geschäften des Erdgeschosses gewesen und nie in das Innere des Blauen Blocks vorgedrungen, doch kann ich eine kleine Erinnerung beisteuern. Irgendwann – wohl in den frühen 70er Jahren – brannte ein Appartement aus. Die Rauchspuren waren noch jahrelang an der Fassade sichtbar. Nachdem es wiederhergestellt war, diente dieses Appartement als konspirative Wohnung für das Ministerium für Staatssicherheit. Diese Kenntnis erlangte ich, weil mir als evangelischem Pfarrer ein Gemeindeglied anvertraute, es sei dorthin beordert worden, um für eine Mitarbeit angeworben zu werden. Durch diese Dekonspiration konnte das Ansinnen erfolgreich abgewehrt werden, doch wenn ich in den Folgejahren vorbeikam und die Rauchspuren sah, musste ich daran denken, und bis heute ist dieser Block für mich mit der Geschichte verbunden.“
„Zwölf Quadratmeter groß war die Wohnung in der Wilhelm-Pieck-Allee 14 b. Ich bin 1967 eingezogen, habe als Krankenschwester in der Medizinischen Akademie gearbeitet. 50 Mark war die Miete mit allen Kosten inklusive. Meinen Mann habe ich 1969 kennengelernt. Er wohnte in einem Mehrbettzimmer, dass das Messgerätewerk stellte. Er zog dann mit in meine Wohnung im Blauen Bock. Als unser Sohn im April 1971 geboren wurde, haben wir das Zimmer so umgeräumt, dass unser Kind hinter der Schrankwand seinen eigenen „Raum“ hatte, in den gerade mal das Kinderbettchen passte. Abends, wenn das Kind schlafen sollte, haben wir unsere Sessel auf den kleinen Flur gestellt, um unseren Sohn nicht zu stören. Ich habe Handarbeiten gemacht, mein Mann gelesen. Seine Aufgaben von der Abendschule hat er auf dem Toilettendeckel als Tischersatz geschrieben.
In der Küchennische hatten wir eine WM 66 (bekannte DDR-Waschmaschine) stehen und mit dem „Backwunder“ habe ich Hähnchen zubereitet und Kuchen gebacken. Auch mit nur einer Kochplatte haben wir ganze Menüs gezaubert. Ein großes Problem waren die Kakerlaken. Aber kein Wunder, im Müllschlucker entsorgten die Bewohner ihre Weihnachtsbäume und darauf hingen dann die Nudeln, die aussahen wie Lametta. Die Eier der Tiere klebten an allem. Mehrmals im Jahr gab es die Bekämpfung. Dann durften wir bis zu acht Stunden die Wohnung nicht betreten, da das Gift bei Raumtemperatur verdampfte.
Im Haus wohnte auch der Hausmeister. Der hat uns Löcher gebohrt gegen Bezahlung. Die Flure und Treppenhäuser wurden gereinigt.
Für den Blauen Bock gab es für die Nationalfeiertage einen Beflaggungsplan, immer die DDR-Fahne und die rote Arbeiterfahne immer im Wechsel.
Als das Centrum Warenhaus gebaut wurde, waren die Arbeiter Tag und Nacht auf der Baustelle. Für unseren Sohn war das ein großer Spaß, von unserem Fenster aus zuzuschauen.
1974 sind wir ausgezogen, nachdem wir Eingaben geschrieben haben, um eine größere Wohnung zu bekommen. Allerdings war das dann wieder eine Wohnung mit Kohleofen.“
Erika Zenk wohnte von 1963 bis 1990 in der Kleinen Münzstr. 2, 3040 Magdeburg. Als Vorsitzende der Volkssolidarität des ehemaligen Wohngebiets 068 erzählt sie vom Wiederaufbau, dem Bau des Blauen Bocks und dem Leben der Rentner im neuen „Blauen Wunder“. Frau Zenk ist inzwischen verstorben, hat uns aber in einem ausführlichen Brief an Ihrer Erinnerung im Rahmen der Arbeit für die Volkssolidarität zum Bau und Leben im Blauen Bock teilhaben lassen.
„Wenn es um die Chronik der Volkssolidarität (VS) geht, so hat die 06 233 (der Blaue Bock) ein Stück Geschichte mit geschrieben. 1963 umfasste die damalige 068 das Gebiet von der Eisenbahnersiedlung Julius Bremer Str. bis zur Westseite des Breitenweges, die Wilhelm-Pieck-Allee von der 16 bis zur 40, bis hin zur Erzberger Str. 10, Große und Kleine Schulstr., Tränsberg, Blaue Beil und Steinerne Tischstr. 10. Dazwischen gab es viele Trümmer. Ein Teil des Knattergebirges war von den Bomben verschont worden. Es war erschütternd zu sehen, wie die Menschen dort hausten. Die 06 hatte keinen Pfenning und keine Helfer. Es wurde der Beitrag derer gebraucht, die schon recht gut wohnten. Pieck Allee, Otto von Guericke Straße, Schweriner Straße und Große und Kleine Münzstraße. Nach und nach gelang es, für jedes dieser Häuser einen Helfer zu gewinnen, der die Beiträge kassierte.
1963 und 1964 konnten schon einige unserer Mitglieder an der Weihnachtsfeier im Klub der VS in der Zollstraße teilnehmen. Die Gruppe wuchs schnell. Bereits 1965 wurde im Frühstückszimmer und von 1960-1969 in der Juanitabar des Interhotels Weihnachten gefeiert – mit künstlerischen Darbietungen des Anton Saefkow Essembles HdjP. Inzwischen gab es für die Gruppe eine neue Herausforderung: Nach einigen baulichen Pannen und Verzögerungen stand endlich das „Blaue Wunder“. Sieben Etagen mit jeweils 46 Einraumwohnungen, über 320 Menschen, davon etwa die Hälfte Rentner bzw. Invaliden, auch jene aus dem Knattergebirge. Sie erhielten die Südseitenwohnungen mit eigener Dusche. Die Nordseite mit Gemeinschaftsdusche stand jungen Krankenschwestern, Monteuren, Schauspielern und anderen zur Verfügung. Es war für alle ein ungewohnter Komfort, Zentralheizung, Fahrstuhl, Müllschlucker, ein Hausmeister-Ehepaar, welches im Treppenhaus und überhaupt für Ordnung sorgte und nicht zu vergessen der Blick auf den zentralen Platz mit seinen beleuchteten Springbrunnen, der jahreszeitlich wechselnden Bepflanzung, den Bäumen und Sträuchern. Das alles für 45,- später für 33,- Mark Miete.
Wieder wurde in der 06 das Geld knapp. Ziel war es damals alle älteren Bürger- auch wenn sie nicht Mitglied der VS waren zu betreuen. Wir bildeten eine Handarbeits- und Bastelgruppe an der sich auch Männer beteiligten. Vom Topflappen bis zu Holzarbeiten entstand vieles, was auf Basaren gern gekauft wurde. Nun kamen über 300 Veteranen zur Weihnachtsfeier, so dass diese von 1970-1986 im Café Moldau der Gaststätte Stadt Prag und als dort renoviert wurde, ab 1987 in der Belegschaftsgaststätte des Zentrum Warenhauses stattfanden. Bald gab es ein neues Problem. Die Appartements zur Südseite heizten sich im Sommer ziemlich auf, die Kochnische tat sein Übriges wieder machte sich der fehlende Klub in Stadt Mitte bemerkbar. Mit Unterstützung der HO Gaststättenleitung gelang es uns, ab dem 15.09.69 täglich 50 Essensplätze im Café Moldau zu reservieren. Dadurch festigte sich die Gemeinschaft im Blauen Bock sehr schnell. Man kannte sich, leistete Nachbarschaftshilfe und nicht zu vergessen. In jeder Etage gab es einen Volkshelfer der nicht nur Beiträge und Essensgeld kassierte, auch Glückwünsche und Einladungen überbrachte und eine enge Verbindung zur 06 zig hatte. Schnell wurde bekannt, als plötzlich viele eine fieberhafte Grippe hatten und den Weg zur Poliklinik nicht schafften. Wir sorgten dafür, dass regelmäßig ein Arzt Hausbesuche machte. Erst als eine Nordseitenwohnung in der 1. Etage ausbrannte, konnte nach Überwindung einiger Schwierigkeiten eine Gemeindeschwester dort stationiert werden.
Nachdem für das leibliche Wohl gesorgt war stellten wir verstärkt die kulturelle Betreuung in den Vordergrund. Ende 19er Jahre wurde in der Wilhelm Pieck Allee 14a und 14b, – dies ist die korrekte Bezeichnung dieses Blockes – mit Hilfe der Bezirksbibliothek und einer sehr einsatzbereiten Helferin, die mit ihrer Familie die schwergewichtigen Transporte sowie die Buchausleihen übernahm –eine Hausbibliothek gegründet. Sie erfreute sich regen Zuspruchs. Weitere Verbindungen gab es mit dem Klub der Eisenbahner, sämtlicher Schulen und Gaststätten wie HdL usw. im Umkreis. Inzwischen war die Nordseite der Karl Marx Straße bebaut und dort eine eigene 06 gebildet. Die Rentner des Blauen Bock`s waren immer mitten an. Nach dem Essen gingen sie in die Marillenbar oder zum Springbrunnen. Sie lebten nicht am Rande der Gesellschaft.“
„Wohnung war für mich der pure Luxus, nachdem ich mit Mitte 20 aus dem Schwesternzimmer in der Landesfrauenklinik ausziehen konnte. Ein eigenes Zimmer nur für mich und mein Baby, das ich erwartete. Es war eine sehr intensive Zeit, die ich im Blauen Bock von 1971 bis 1975 verlebte. Auch wenn das Zimmer klein war, es passte alles rein, auch das Babybett. Über der ausklappbaren Couch hatte ich ein Regal angebracht, so dass noch ein bisschen mehr Abstellfläche gab. Dort entlang rankte eine Rankpflanze, die so gut gedieh, dass ihre Ableger mehrfach hin und her gelegt werden konnten.
Der Kühlschrank stand im Flur, denn in die Kochnische passt er nicht. Und auch ich konnte nur vorwärts hineingehen, als ich schwanger war.Umdrehen ging nicht, ich musste rückwärtsgehend „die Küche“ verlassen. Natürlich gab es auch nicht so schöne Sachen wie die Kakerlakenplage. Aber wir haben uns eingerichtet. Zuletzt wohnten mein Mann, das Kind und ich zu dritt in der kleinen Wohnung. Aber auch das ging. Wir haben es uns damals eben so eingerichtet, dass alles passte.“
Bild: Kochnische im Blauen Bock
